(Bildbeschreibung: Das Video zeigt Prof. Dr. Wolfgang Hinte, der über das Fachkonzept Sozialraumorientierung spricht. Es handelt sich um ein Interview, in dem Wolfgang Hinte seine Perspektiven und Argumente darlegt. Während des Gesprächs sind teilweise Hintergrundmusik und Hintergrundgeräusche zu hören. Er ist der einzig Sprechende.)
Das Video ist zu erreichen unter der URL: https://www.akademie-sozialraumorientierung.de/fokus/
Kernsatz der Sozialraumorientierung ist, wir wollen nicht Menschen verändern, sondern Verhältnisse gestalten bzw. Arrangements gestalten. Menschen zu verändern ist ohnehin ein unmögliches Unterfangen. Es hat noch nie funktioniert. Die Geschichte der Pädagogik ist eine Geschichte der Niederlagen.
Das Problem in unserem System liegt genau darin, dass gesetzlich garantiert genau das finanziert wird, was wir eigentlich verhindern wollen.
Wir wollen verhindern, dass Menschen in Notsituationen kommen. Geld fließt aber erst, wenn die Menschen in Notsituationen sind. Geld fließt nicht, wenn sie drohen, in Notsituationen zu kommen. Das heißt, wir helfen den Armen, aber wir warten damit, bis sie richtig arm sind.
Und wir warten, wir warten, wir hoffen, sie werden nicht richtig arm. Denn es kostet den öffentlichen Haushalt Geld. Aber wenn sie dann arm sind, dann freuen sich alle und sagen, „Hey, jetzt endlich kriegen wir Geld dafür.“ Das ist genau die Schwierigkeit. Wir zahlen ein volkswirtschaftlich überhaupt nicht tragbares System, bei dem wir, erst wenn das Defizit attestiert ist, mit ganz viel Geld auf den Tisch springen, gut arbeitende, aber durchaus teure Träger dafür bezahlen, das attestierte Defizit zu bearbeiten: also das schwierige Kind wieder zu integrieren, das Mädchen, das nicht in die Schule will, mit allen möglichen methodischen Hinweisen, doch dazu zu bewegen, in die Schule zu gehen, die Familie, die völlig aus den Fugen gerät, durch systematische, sozialpädagogisch Familienhilfe wieder an einen Tisch zu kriegen. Ja, das wird auf hohem Niveau derzeit betrieben. Nichts gegen die gute Arbeit der Träger, aber das Verrückte ist, wenn dieses Kind, das heute völlig durch den Wind ist, vor zwei, drei Jahren in einer Situation war, wo es ein bisschen labil war, aber noch nicht kaputt genug, da hat das Kind keine Hilfe bekommen. Weil all die Träger und die gesamten Systeme, die wir haben, warten darauf, dass es denen richtig schlecht geht. Was wir tun müssen ist, wir müssen Geld von dem Bereich des attestierten Defizits vermehrt verlagern in den Bereich der - wie man wie ich finde fälschlicherweise sagt - Prävention. Es ist nicht Prävention, sondern es ist die Gestaltung von guten Lebensbedingungen. Und Gestaltung von guten Lebensbedingungen führt dazu, dass nicht so viele Menschen anschließend auffällig und leistungsberechtigt werden. Uns wird auch vorgeworfen, dass wir dem Staat helfen wollen, Geld zu sparen. Das trifft so nicht zu, weil wir sagen, wir wollen Leistungsberechtigung verhindern, aber wir wollen, alles Geld, das im System ist, dafür nutzen, das zu tun.
Möglichst frühzeitig, möglichst dann, wenn die ersten Anzeichen dafür da sind, dass Menschen belastet sind. Möglichst dann, wenn Lebenssituationen prekär werden und nicht erst dann, wenn den Familien das Leben um die Ohren fliegt.
Dieses System, geldgesteuert und ganz klar auch interessengesteuert, nämlich trägerinteressengesteuert, wird derzeit immer wieder neu dadurch gestützt, dass es immer wieder neue Hilfen gibt, für die immer wieder neues Geld gezahlt wird.
Es gibt zahlreiche Menschen, die wurden jahrelang betreut und haben dabei kein gutes Gefühl. Sie merken, dass sie verarmen in ihrem Leben. Sie merken, dass sie abhängig werden von Betreuung. Sie leiden sogar daran, dass sie selbst nicht auf die Beine kommen und ein Leben führen, das nicht ein gewolltes Leben ist, sondern ein gesolltes Leben ist. Ein Leben, wo andere über sie bestimmen, was sie tun sollen und wie sie betreut werden sollen.
Wir stellen fest, dass ganz viele Menschen in den Leistungssystemen - das können Behinderte, Familien oder alte Menschen im Pflegebereich sein - nur oberflächlich gerne betreut werden. Dahinter stellt man fast immer fest, dass Menschen stolz auf eine Leistung sein wollen. Wir stellen fest, dass Menschen Spaß daran haben, etwas zu schaffen, um zu sagen, das haben wir geschaffen und nicht zu sagen, gut, dass es meinen Sozialarbeiter gab, der das geschaffen hat. Wir stellen fest, dass lokale Politik einen völlig anderen Zugang zu Menschen bekommt, wenn lokale Politik sich nicht hinstellt als Instanz, die sagt, kommt zu uns ihr Mühseligen und Beladenen. Wir tun alles für euch, was geht, sondern wenn sich lokale Politik hinstellt und sagt, wir würden gerne hier in unserem Kiez, in unserem Sprengel, in unserem Quartier gute Bedingungen schaffen, dass ganz viele Menschen mitwirken können bei der Gestaltung dieses Sprengels. Und wir sorgen dafür, dass Menschen, die besonders belastet sind, frühzeitig und schnell eine Unterstützung bekommen, die sie, und das ist ganz wichtig, schnell unabhängig macht von öffentlicher Hilfe. Das ist ein ganz zentrales Element für Politik, nicht zu sagen, wir organisieren ganz viel öffentliche Hilfe, sondern immer wieder zu sagen, öffentliche Hilfe ist dazu da, dass man möglichst schnell unabhängig wird von derselbigen.
Unsere systemischen Mechanismen gehen aber in die andere Richtung. Wer einmal öffentliche Hilfe bekommt, kommt ganz schlecht wieder aus dem System raus. Und wir glauben immer, dass eine gute Hilfe eine Hilfe ist, die unabhängig von der Hilfe macht.
Also: Politik hat etwas davon, weil sie dann mit selbsttätigen, selbstbewussten und auch durchaus eigenartigen und nicht immer einfachen Menschen zu tun hat. Gleichzeitig muss man sehen, dass wenn man so arbeitet, wie ich es beschrieben habe, dass im System befindliche Geld effektiver und effizienter eingesetzt wird. Es wird nicht gewartet, bis wir in der Phase des attestierten Leistungsanspruchs sind, sondern schon vorher werden Systeme geschaffen, die dazu beitragen, dass es erst gar nicht zum attestierten Leistungsanspruch kommt. Das heißt, das Geld, das wir im System haben, wird passgenauer eingesetzt, wird frühzeitiger eingesetzt und wird flexibler eingesetzt.
Das erste Prinzip heißt, wir setzen grundsätzlich an, an dem, was Menschen wollen.
Ja, das meint nicht den alten sozialarbeiterischen Merksatz, der da heißt: „Die Menschen da abholen, wo sie stehen.“ Das ist etwas anderes. Wir setzen dagegen, wir arbeiten mit dem Willen der Leute. Wir holen sie nicht ab, sondern wir finden heraus, was ihre Lebensenergie ist und versuchen daraus, mit den Leuten Ziele zu entwickeln, die sie dann auf ihre je eigenartige Art und Weise verfolgen. Dieses Herausfinden des Willens, das Entwickeln von Zielen bezogen auf den Willen von Menschen und die sich dann daran anschließende sozialarbeiterische Unterstützung ist der Kern des Ansatzes.
Zweitens Prinzip: Gute Soziale Arbeit, sozialraumorientierte Arbeit, sagen wir, aktiviert und betreut nicht. Wir würden das Wort Betreuung gerne völlig aus dem Wortschatz der sozialen Arbeit streichen. Wir wissen, das geht nicht, es hat historische Gründe. Wir glauben, dass das, was wir tun, immer aktivierende Begleitung sein muss. Wir sagen immer: „Arbeite ist nie härter als dein Klient.“ Das meint, dass die Aktivität - die in eine Beziehung gegeben werden muss - von Seiten des Menschen, der leistungsberechtigt ist, immer größer sein muss, als die des Professionellen.
Aktivierende Arbeit heißt, ich tue nichts, was du selbst tun kannst und es gibt nur so wenig Hilfe, wie irgendwie möglich, aber so viel wie nötig.
Dieses Prinzip bringt uns auch oft fälschlicherweise in die Nähe zu neoliberalen Theorien, die sagen, wofür braucht es überhaupt Hilfe? Und wir sagen ja auch so wenig Hilfe wie möglich. Wir sagen es aber nicht mit einem ökonomischen Hintergrund, sondern wir sagen es, auf dem Hintergrund der Tatsache, dass wir glauben, Menschen kriegen Würde nur durch das, was sie selbst tun und nicht durch das, was für sie getan wird.
Wenn jemand etwas für mich tut, ist die einzige Gabe, die ich noch eingeben kann, dankbar zu sein. Das wollen wir aber nicht. Uns interessiert, dass Menschen sagen: „Jawoll, das haben wir selbst getan und das ist unsere Leistung.“ Also Prinzip 2: Immer schauen, dass Menschen die Dinge selbst machen.
Drittes Prinzip, sozialraumorientierter Arbeit heißt, wir setzen immer an Ressourcen an, und zwar
a) an den Ressourcen der Menschen, b) an den Ressourcen des Sozialraums.
Ressourcen der Menschen definieren wir als alles, was Menschen an Eigenarten und an bei ihnen befindlichen Potenzialen einbringen können.
Das heißt nicht, dass wir sagen, jeder Mensch hat Stärken, jeder Mensch hat Schwächen und wir konzentrieren uns auf die Stärken. Nein, wir glauben, dass jede Verhaltensweise eine potenzielle Stärke ist.
Derjenige Jugendliche, der in Berlin auf dem Hinterhof wilde Kämpfe veranstaltet und dabei andere Leute verletzt, indem er boxt, schlägt und tritt. Ja, der hat eine Stärke, er ist körperlich stark. Er kann Preisboxer werden, das wäre zum Beispiel was. Er wird aber, weil er dort gewalttätig ist, verfolgt. Das, was in dem einem Kontext - der anderes ist - ist, ihm ein Sozialarbeiter oder eine Polizeieinheit zu schicken, ist in einem anderen Kontext eine enorme Stärke.
Die Jugendliche, die klaut wie ein Rabe im Kaufhaus, ist prädestiniert dafür, Kaufhausdetektivin zu werden, weil das, was sie tut, ist in einem Kontext, sie klaut, eine Schwäche, sie wird verfolgt von der Polizei. Aber wer gut klauen kann, kann auch gut klauen verhindern. Also müsste sie Kaufhausdetektivin werden, weil sie weiß, wie klauen geht.
Alles das, was Menschen gerade aus benachteiligten Settings, aus benachteiligten Familien und Milieus erfahren haben, ist - wenn man es anders rahmt - eine Stärke. Wir wollen nur mit den Stärken arbeiten. Uns interessiert nicht, wenn der Mensch sagt: „Mir geht's schlecht, ich habe ein scheiß Leben hinter mir und die brauchen Sozialarbeiter.“ Wir reagieren darauf nicht, rogerianisch empathisch und sagen: „Boah, dir geht es wirklich schlecht.“ sondern wir sagen: „Hey, toll, dass du überlebt hast.“ Das heißt, wir versuchen immer optimal an den Stärken anzusetzen. Das war 3a.
3b heißt: Das tun wir immer in Kombination mit den Ressourcen eines Sozialraumes. Wir glauben, dass genau diese Kombination von individuellen Ressourcen und räumlichen Ressourcen ein wesentlicher Mosaikstein in einem Ansatz ist. Räumliche Ressourcen, das sind Nachbarn, das sind Plätze, das sind Räume, das sind Menschen, das sind auch Verwandte, das sind auch manchmal quere Typen, das sind auch manchmal schlichtweg Ausstattungen, wie ein Geldtopf dort oder ein Geldtopf da. Ehrenamtliches Engagement ganz wichtig - diese Ressourcen miteinander zu kombinieren ist oft eine wesentlich bessere Unterstützung als systematisches sozialarbeiterisches Arbeiten stets 10 Stunden in der Woche in der Familie.
Viertes Prinzip dieses Ansatzes: Wir versuchen, alles das, was wir tun, bereichsübergreifend zu sehen und vor allen Dingen zielgruppenübergreifend zu sehen. Ganz viel Geld im Bereich der sozialen Arbeit wird für Zielgruppen ausgegeben. Für, sagen wir, Migrantinnen und Migranten, für Kinder und Jugendliche, für Behinderte, für Jungen, für Mädchen, für wen auch immer.
Wir glauben, dass der zielgruppenübergreifende Blick erst den Raum erfassen kann. Wir wissen, wer mit Frauen arbeitet, muss immer auch mit Männern arbeiten. Wer mit Migrantinnen arbeitet, muss immer auch mit Einheimischen arbeiten. Wer mit Hartz-IV-Empfängern arbeitet, muss immer auch mit den Unternehmen arbeiten, die drum herum sind. Wer mit Prostituierten arbeitet, muss immer auch mit den Bordellbesitzern arbeiten. Und wer mit den offiziell Behinderten arbeitet, muss immer auch mit den normal Behinderten arbeiten. Wir brauchen also Personen, die sich nicht auf eine Zielgruppe fixieren und schon dazu neigen, die Eigenschaften der Zielgruppe selbst anzunehmen, sondern wir brauchen Personen, die über Zielgruppen hinaus die Einbettung der Zielgruppe in einem sozialräumlichen Kontext analysieren und bei ihrer Tätigkeit ganz praktisch mit einbeziehen können.
Fünftes Prinzip: In dem fünften Prinzip kulminiert all das, was wir vorher gesagt haben, all das - so sagen wir - geht nur in kooperativen Landschaften.
Das geht nicht in Landschaften, die auf Marktprinzipien aufgebaut sind. Das funktioniert nicht in Landschaften, in denen Träger in Konkurrenz gehetzt werden, sondern das funktioniert ausschließlich in kommunalen Landschaften, in denen man sagt: Wir, die wir als Träger, als öffentliche oder als freie Träger, viele Ressourcen haben, können diese Ressourcen wirklich gewinnbringend in diesem inhaltlichen Sinne nur einsetzen, wenn wir über Grenzen hinaus kooperieren.
Wir glauben, dass eindeutig das, was wir Marktprinzipien nennen, im sozialen Bereich völlig deplatziert ist. Wir glauben - ohnehin auch global gesehen - dass wenn, in den letzten zehn Jahren, irgendwas völlig versagt hat, dann ist es der Markt, selbst global. Wir wollen das nicht im Bereich der sozialen Arbeit fortsetzen. Sondern wir denken, dass nur dann, wenn es gelingt, die Stärken der jeweiligen Partner in den Sozialräumen miteinander zu verbinden, und zwar nicht, indem sie sich voneinander abgrenzen, sondern indem sie gemeinsam arbeiten, dass nur dann, so ein Arbeitsansatz tatsächlich mit Leben gefüllt werden kann.
Es gibt zum Beispiel zahlreiche Stadtteile, in denen gibt es junge Mütter, die kriegen mit 18, 19, 20 ein Kind. Die wissen nicht, wie man ein Kind wickelt, die wissen nicht, was man macht, wenn das Kind nachts schreit, sie sind sehr unbeholfen. Wenn die wochen- und monatelang damit konfrontiert sind, plötzlich ein schreiendes Wesen zu haben, mit dem sie nicht klarkommen, entwickeln sie gegen ihr Kind Ärger und Wut und das kulminiert manchmal darin, dass sie dann zum Jugendamt laufen und sagen, wir kommen nicht weiter. Wenn sie ihr Kind dann schon 2-3 Mal geschlagen haben, sagt das normale Jugendamt, wir müssen es im Heim unterbringen. Sie glauben gar nicht, wie oft es in Deutschland passiert, dass junge Mütter mit ihrem Kind nicht klarkommen, dabei durchaus auch dem Kind gegenüber gewalttätig werden, und dann das Kind im Heim untergebracht wird. Würde man rechtzeitig - weil man weiß, in diesem Stadtteil, in diesem Sozialraum gibt es zahlreiche junge Mütter, die Kinder kriegen - systematisch diesen jungen Müttern, bevor sie ihr Kind kriegen, anbieten, dass man ihnen zeigt, wie man ein Kind wickelt, dass man eine Müttergruppe aufbaut, wo die sie gegenseitig helfen können, oder dass man ein paar Leute aus dem Stadtteil fragt, ob die nicht helfen können bei der Kinderaufsicht. So spart man: Einmal fünf Heimunterbringungen, das ist richtig Geld, das man spart. Man unterstützt junge Frauen systematisch und zielgenau, und man nutzt noch gutes Ehrenamt. Das heißt, einige ältere Leute, vor allen Dingen Frauen, die gut mit Kindern umgehen können, können noch für sich ein Stück weit an Lebensinhalt darin entdecken, dass sie anderen Frauen helfen.
Eine Gruppe von Jugendlichen, die in einem Stadtteil, sagen wir 'ein wenig wildert'. Die fällt auf, die ist laut, die macht Lärm, die belästigt alte Leute, die durch den Park gehen, und die macht - in sagen wir sehr, sehr, sehr randalierender Weise - auf sich aufmerksam. Die kennen nicht so richtig den Unterschied zwischen Randale und guter Laune. Mit diesen Jugendlichen beschäftigt sich in der Regel niemand. Jeder weiß aber, wenn man die lässt, gehen die erstmal allen Bürgern auf den Geist, und zum anderen die Hälfte dieser Truppe wird in zwei bis drei Jahren aus irgendeinem Grunde eine Hilfe zu Erziehung bekommen. Die werden auch so viel Geld kosten. Erst dann wird sich ein Sozialarbeiter um die kümmern. In der Phase, wo sie vorher nur Randale machen, wird sich entweder die Polizei um sie kümmern, oder aber irgendjemand von den Bürgern, der sagt, wir brauchen eine Bürgerwehr gegen diese Jugendlichen.
Würde man in der Phase systematisch auf die Jugendlichen zugehen - und nicht warten bis sie ein Jugendzentrum zertrümmern - würde man erheblich dazu beitragen, dass sie erstens anschließend nicht auffällig werden, und zweitens weniger Geld kosten, und drittens ganz wichtig, sie kommen gar nicht erst in eine Karriere, wo sie abhängig werden von öffentlicher Hilfe.
Wer eine kommunale Landschaft umbauen will, wer mit einem solchen Ansatz versuchen will, ja, Verhältnisse zu gestalten - auch kommunale Verhältnisse - muss auf mehreren Ebenen ansetzen. Es braucht zunächst so etwas wie eine klare politische Ansage, dass man das will.
Grundsätzlich muss es so etwas wie den von ganz vielen Menschen getragenen Willen, möglichst politischen Willen geben, Soziale Arbeit so umzubauen, dass sie konsequenter an dem ansetzt, was Menschen wollen, Menschen hilft, dass sie ihre eigenen Ziele entwickeln und auch verfolgen können, Settings schafft, wo Menschen möglichst selbst viel bei einer Hilfe tun können und nicht betreut werden. Dies mit Blick auf die Ressourcen der Menschen, die sie selbst haben, und mit Blick auf die Ressourcen der Sozialräume. Die Nachbarin, die den Jugendlichen nebenan morgens weckte damit er zur Schule geht, ist eine erheblich lebensweltnähere und funktionierendere Hilfe, als die engelsgleiche Sozialpädagogin, die vom Träger eingeflogen kommt und morgens dafür sorgt, dass das Kind in die Schule geht.
Man braucht also so etwas wie ein Bild über gute Sozialarbeit vor Ort. Das muss der Ausgangspunkt sein. Wir sagen immer zuerst konsequente Einigung darauf, welche Inhalte man in einer kommunalen Landschaft unterstützen will. So das ist der erste Punkt. Dieser Punkt geht nicht in drei Monaten. Der geht nicht über einen großen Kongress, wo jemand eine Rede hält und das alles erklärt, sondern er geht über eine intensive fachliche Auseinandersetzung.
Der zweite Punkt ist, man muss schauen, wie die kommunale Landschaft strukturiert sein muss, damit diese Inhalte realisiert werden. Und da stellt man dann fest, dass ein Jugendamt das nach Buchstaben organisiert ist, so was schlecht machen kann, weil es hat keine sozialräumlichen Bezüge.
Man stellt dann zum Beispiel fest, dass Träger, die in der ganzen Stadt tätig sind und überhaupt keine Ahnung haben, wie kleine Netze beschaffen sind, natürlich keine sozialräumlichen Hilfe machen können. Man stellt dann fest, dass wenn man ganz viel Geld dafür hat, in der Phase des attestierten Zusammenbruchs zu arbeiten, dass man all das, was man frühzeitig machen könnte, nicht tun kann. Wenn man das feststellt, braucht man so etwas wie den Aufbau einer alternativen Organisationsstruktur.
In der Regel sieht die anschließend so aus, dass man kleinere sozialräumliche Einheiten auf Seiten des Jugendamtes hat. Und auf der, sagen wir, anderen Seite aber eng kooperierend, gut mit dieser kleinräumlichen, sozialräumlichen Jugendamtseinheit zusammenarbeitende freie Träger, die Hilfen zur Erziehung erbringen, aber nicht erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern im Vorfeld und zwar in enger Kooperation mit dem Jugendamt.
Das ist leichter gesagt als getan, weil: Die Träger sind flächendeckend organisiert.Die denken nicht im Traum daran, sich kleinräumlich zu organisieren, weil: Sie brauchen Geld und Fälle. Und in den kleinen Räumen tummelt sich - meinetwegen - in einen kleinen Sozialraum 20 Träger und jeder will seine Fälle haben. Wenn man dann sagt, dort nur drei Träger, schreien die anderen 17 Träger auf und sagen, wo sollen wir hin gehen.
Das heißt, man braucht also eine Gesamtsortierung in einer Stadt, sodass - und ich glaube, das geht - alle Träger in guter Weise sozialräumlich bedient werden. Aber es kann nicht mehr gelten, dass jeder Träger in jedem Sozialraum arbeiten kann, sondern Träger A ist dann im Sozialraum 1 tätig und Träger B ist im Sozialraum 2 tätig und früher waren die beiden in Sozialraum 1 tätig und nahmen sich dort gegenseitig die Fälle weg.
Das muss so nicht sein. Also der zweite Schritt ist eine Organisation der kommunalen Struktur, die diese Inhalte unterstützt.
Und das Dritte ist eine Finanzierungsform, die dazu beiträgt, dass man nicht darauf angewiesen ist, immer erst Leute kaputtzuschreiben, damit sie Geld kriegen, sondern eine Finanzierungsform, die den richtig guten Trägern hilft, Menschen dann zu unterstützen, wenn das Leben in bestimmten Situationen gerade beginnt, ein wenig prekär zu werden.
In Deutschland hat glücklicherweise jeder Mensch, der in eine bestimmte Lebenssituation kommt, die ganz offiziell als wirklich belastete und gesetzeskompatible Lebenssituation definiert ist, dass er in dieser Situation Hilfe bekommt.
Und dass dafür gutes Geld fließt, ist in einem zivilen Land und in einem Staat, der gute Sozialpolitik macht, selbstverständlich, gut, dass wir das haben.
Die Schwierigkeit ist: Wie gelingt es uns dieses Geld, das in einem Einzelfalleistungsanspruch fließt, so zu flexibilisieren, dass dieses Geld nicht nur gleichsam für die 1:1 Betreuung zwischen, sagen wir, Pfleger und zu pflegendem, Sozialarbeiter und Klient, Assistent und behindertem Menschen ausgegeben wird, sondern dass dieses Geld, das diesen Menschen zusteht, auch dafür genutzt werden kann, außerhalb der helfenden Zweierbeziehung, Bedingungen zu schaffen, die dazu beitragen, dass man diese Hilfen in Zweierbeziehung nur noch in geringem Umfang braucht.
Der Weg, den wir seit ungefähr 20 Jahren vorschlagen, ist folgender. Man kann auf der Ebene kleinerer oder größerer sozialer Räume, das Geld - das über den individuellen Leistungsanspruch fließt - bündeln, sagen wir, in große Geldtöpfe, aus denen dann hochgradig flexibel die individuellen Leistungsansprüche finanziert werden, aber auch das Umfeld drumherum so gestaltet wird, dass die Leistungsansprüche besser, fachlich niveauvoller befriedigt werden und gleichzeitig das Entstehen neuer Leistungsansprüche verhindert wird.
Verhindert wird nicht mit dem Ziel, dem Staat Geld zu sparen - das ist dummes Zeug wer sowas behauptet - sondern mit dem Ziel, möglichst viele Menschen in normalen Lebensbedingungen leben zu lassen, damit sie ihr Leben selbst gestalten können.
Das heißt: Geld, das zunächst dafür da ist, über den attestierten Leistungsanspruch an leistungsberechtigte Menschen zu fließen, wird gleichsam nebenbei auch dafür genutzt, morgen entstehende Leistungsansprüche zu verhindern.
Beispiel: Wenn es etwa gelingt in einem Wohnviertel, wo viele Kinder leben, die Schwierigkeit mit der Schule haben, die gar nicht zur Schule gehen wollen oder die nicht lernen wollen, auch Schwierigkeiten haben zu lernen, wenn es etwa dort gelingt, 10 Mütter zu finden, deren Kinder aus dem Haus sind, aber die jahrelang ihren Kindern geholfen haben, Schularbeiten zu machen.
Wenn diese 10 Mütter sagen, wir sind bereit, anderen Kindern zu helfen, die in der Schule nicht klarkommen und das frühzeitig machen, dann helfen die zu einem Zeitpunkt, der dazu beiträgt, dass übermorgen dieses Kind nicht eine Hilfe zur Erziehung kriegen muss, weil es in der Schule durchdreht oder gar nicht mehr zur Schule kommt.
Geld, das für ein Erfüllung des Leistungsanspruchs da ist, wird, sagen wir, fehlgeleitet. Man könnte aber auch sagen: Das Geld, das für die Erfüllung des Leistungsanspruchs da ist, wird dazu genutzt, gleichsam unter Erfüllung des Leistungsanspruchs - das ist für mich auch unabdingbar - gleichzeitig Netze zu schaffen, die dazu beitragen, dass neue Leistungsansprüche nicht oder in geringem Umfang entstehen.
Das, finde ich, ist die Kunst einer guten kommunalen Finanzierung und da glaube ich, brauchen wir Budgets.
Ich glaube, wir brauchen entweder Einrichtungsbudgets, interessante Variante, oder Sozialraumbudgets, aus denen dann Einrichtungsbudget entstehen.
Derzeit wird in allen Städten Deutschlands brutal durchgespart. Die Budgets für Hilfen zur Erziehung werden durchweg in Deutschland überall gekürzt.
Das heißt: Faktisch wird derzeit über eine interne Budgetierung gespart. Der Jugendamtsleiter kriegt also zur Aufgabe, Heime zu suchen, die einen Tagessatz haben, der möglichst unter 100 Euro liegt. Der Jugendamtsleiter kriegt den Auftrag, den billigsten Träger zu nehmen, nicht mehr den besten.
Das heißt: Wir sparen derzeit über politische Vorgaben, die sind rasenmäherhaft und vor allen Dingen sind sie geistlos und nicht von Inhalt getrieben.
Wenn wir dagegen in einer Phase, wo die kommunalen Haushalte nachvollziehbarerweise sparen müssen, ein Konzept haben, mit dem es gelingt, das im System befindliche Geld besser einzusetzen und dabei vielleicht da und dort auch Geld aus dem Bereich für anderes nutzen können - aber das muss politisch entschieden werden - dann können wir doch froh sein.
Also, ich glaube, der finanzielle Aspekt ist ein erheblicher, weil er letztlich immer wieder auch die Politik mit ins Boot reinholt.
Politik muss schauen, dass der kommunale Haushalt stimmt. Wenn wir aber feststellen, dass wir Varianten haben der Finanzierung, die dazu beitragen, dass Leistungen besser werden, ich sage immer, die fachlich beste Jugendhilfe ist die kostengünstigste Jugendhilfe.
Wenn man also Jugendhilfe verbessert, wird sie kostengünstiger. Ich sage nicht billiger, aber sie wird kostengünstiger.
Das heißt, alle Kraft muss darauf gerichtet werden, Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Altenhilfe, Pflege besser zu machen. Und verrückt ist, dann kommt man mit dem vorhandenen Geld aus.
Derzeit wird immer gesagt, wir müssen kürzen und trägt dazu bei, dass die Arbeit faktisch schlechter wird und gleichzeitig schreien alle auf, weil sie gekürzt werden sollen mit dem Effekt, dass das System Widerstand leistet. Was wir brauchen ist eine Allianz zwischen den Kämmerern, also zwischen denjenigen, die aufs Geld schauen und denjenigen, die fachlich arbeiten.
Ich stelle übrigens in Deutschland immer wieder fest, dass wenn ich mit den Finanzstadträten oder mit den für Geld zuständigen Instanzen auf Länder- oder Stadtebene rede, dass es dort eine Menge aufgeklärter Leute gibt, die dann, wenn wir mit guten Vorschlägen um die Ecke kommen, durchaus bereit sind, da und dort interessante finanzielle Experimente zuzulassen.
Das Feindbild des knallharten Konsolidierers, der einfach sparen will, stimmt zumindest mit Blick auf Finanzstadträte überhaupt nicht.
Was aber stimmt ist, dass sich die Soziale Arbeit in den Jugend- und Sozialämtern aber auch in anderen Bereichen außerordentlich schwer tut damit, mit Konzepten zu kommen, die innovativ sind, die durchdacht sind, die flexibel sind und die mit dem vorhandenen Geld anders umgehen.
An Letzterem, meine ich, müssen wir arbeiten.